Nachhaltige Arbeitsmarktintegration von Migrant:innen: Ursachen von Skills Mismatch sowie Maßnahmen und Initiativen zur qualifikationsadäquaten Beschäftigung
Aus dem einleitenden Teil: "Skills Mismatch, insbesondere Überqualifikation (d. h. die Situation, dass Erwerbstätige trotz höherer Qualifikationen in niedrigeren beruflichen Tätigkeiten bzw. in branchenfremden Tätigkeiten, die nicht ihrer (Aus-)Bildung entsprechen, beschäftigt sind), ist ein relevantes Phänomen am österreichischen Arbeitsmarkt. Bestimmte Gruppen sind in einem höheren Ausmaß von qualifikationsinadäquater Beschäftigung betroffen, darunter Migrant:innen. Rund 39 Prozent der Personen im Alter von 25 bis 64 Jahren mit einer tertiären (Aus-) Bildung aus einem Drittstaat arbeiten in Berufen, die keiner tertiären Ausbildung bedürfen. Die vorliegende Studie beschäftigt sich vor diesem Hintergrund mit den Ursachen von skills mismatch bei Migrant:innen sowie den in Österreich existierenden Politiken und Initiativen zur Förderung von qualifikationsadäquater Beschäftigung dieser Gruppe.
Die Ursachen für skills mismatch sind vielfältig, existieren auf unterschiedlichen Ebenen (systemische Ursachen, Ursachen auf Arbeitgeber:innenseite, Ursachen auf Migrant:innenseite) und betreffen verschiedene Migrant:innengruppen in unterschiedlicher Weise. Zu den Hauptursachen zählen, wie die Studie darlegt, fehlende Deutschkenntnisse von Migrant:innen, die auch durch mangelnde Effektivität von Sprachmaßnahmen beeinflusst werden, sowie die mangelnde Verwertbarkeit von mitgebrachten Qualifikationen. Letztere basiert sowohl auf Unterschieden bei den Ausbildungssystemen zwischen dem Ausbildungsort und Österreich als auch auf innerösterreichischen regionalen Ungleichgewichten im Hinblick auf den Bedarf an Arbeitskräften sowie dem komplexen, kostenintensiven Prozess der Ankerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen. Wenngleich es eine Reihe an Unterstützungsmaßnahmen für die Anerkennung gibt – wie die Anlaufstellen, die EU-weit als best practice Beispiel gelten – ist die Anerkennungsquote in Österreich niedrig (10%). Weitere Faktoren, die skills mismatch beeinflussen, sind die österreichische Unternehmensstruktur, fehlende Erfahrungen mit der Anstellung von Migrant:innen (v.a. im ländlichen Raum), (un)bewusste Diskriminierung am Arbeitsmarkt und auch beschränkter Zugang zu Informationen und Netzwerken. Skills mismatch bei Migrant:innen wird ferner durch finanziellen Druck bzw. dem Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit sowie dem Fehlen einer langfristigen Bleibeperspektive verursacht, wodurch Migrant:innen eine rasche Beschäftigung gegenüber einer qualifikationsadäquateren priorisieren. Aufenthaltsrechtliche Bestimmungen, wie etwa Einkommensvoraussetzungen, verstärken diesen Faktor. Psychologische Faktoren, wie verlorene Zukunftsorientierung aufgrund traumatischer Erfahrungen, insbesondere bei Fluchterfahrung, sowie Betreuungspflichten und tradierte Gendernormen spielen ebenso eine relevante Rolle. Gendernormen wirken sich verstärkend auf die Ursachen Sprachkenntnisse und Anerkennung aus. So sind Frauen tendenziell öfter in reglementierten Berufen, wie etwa im Gesundheitssektor, und anderen Berufen tätig, die bessere Deutschkenntnisse erfordern. Sie weisen tendenziell auch begrenztere Netzwerke, die für Arbeitsmarktintegration relevant sind, auf. Schließlich verfügen Frauen teils auch öfter über eine höhere Ausbildung, jedoch ohne entsprechende Arbeitserfahrung.
Die Vielzahl an Ursachen und die Heterogenität von Migrant:innengruppen erfordern unterschiedliche Strategien, um skills mismatch entgegenzuwirken. Die Studie liefert einen Überblick über die politische Debatte und die Fülle an arbeitsmarkt- und integrationspolitischen Maßnahmen und Initiativen in Österreich, welche skills mismatch (direkt oder indirekt) adressieren. Der Fokus der existierenden Maßnahmen liegt, wie die Studie aufzeigt, vorwiegend auf den Arbeitnehmer:innen (z. B. Unterstützung bei der Anerkennung, Qualifizierungsmaßnahmen, Beratungen, Sprachfördermaßnahmen, Mentoring), während sich im Verhältnis dazu weniger Maßnahmen direkt an Arbeitgeber:innen richten, um Anreize für die qualifikationsadäquate Beschäftigung von Migrant:innen zu setzen. Dies spiegelt sich zu einem gewissen Grad auch in der politischen Debatte wider, in welcher primär etwaige Defizite von Migrant:innen und damit verbundene Herausforderungen für die Arbeitsmarktintegration im Zentrum stehen, während die Über- und Dequalifizierung von Migrant:innen und die damit verbundenen negativen Auswirkungen für die österreichische Wirtschaft eine eher untergeordnete Rolle spielen. (...)"